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  Demografischer Wandel


  Dr. rer. pol. h. c. Frank-J. Weise,
Vorsitzender des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit:


"Prävention in der Schule als Schlüssel zu mehr Ausbildungs-und Beschäftigungsfähigkeit"

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Der Versicherungsauftrag der Bundesagentur für Arbeit stellt die arbeitsmarktpolitischen Aktivitäten eindeutig in den Dienst des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes. Nur dafür dürfen die Beitragsgelder der Versichertengemeinschaft eingesetzt werden und die Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit jedes investierten Euros muss nachgewiesen werden. Doch trotz des klar konturierten Ressorts muss sie zunehmend vernetzter denken und an verschiedenen Stellen prüfen, wie sie auch als Impulsgeberin oder mittelbar positiven Einfluss auf den Arbeitsmarkt ausüben kann – ohne dabei ihren ordnungspolitischen Rahmen zu verlassen! Deswegen ist ein weiterer Befund der ZEW-Studie von besonderer legitimatorischer Bedeutung für die von uns entwickelte Präventionsstrategie. Das ZEW hat das genaue Verhältnis zwischen Investitionen in frühkindliche Bildung und die erzielten Erträge in einem Simulationsmodell zur Humankapitalbildung quantifiziert und festgestellt, dass sich bei jährlichen Mehrausgaben von rund 660 Euro für die Bildung eines Kindes bis zur Vollendung des sechsten Lebensjahres dessen späteres Lebenseinkommen um rund 55.590 Euro erhöht. Auch Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren profitieren von zusätzlichen staatlichen Investitionen in ihre Entwicklung, wenn auch weniger stark. Die Untersuchung verdeutlich also einmal mehr, dass eine Politik, die das Humankapital erhöhen will, stärker in die frühkindliche Entwicklung von Fähigkeiten investieren sollte. So ließe sich die Verkettung von frühen Entwicklungsdefiziten, Schulversagen, Jugendarbeitslosigkeit und den daraus potenziell chronifizierten Desintegrationserscheinungen gleich zu Beginn unterbinden. Darüber hinaus wurde auch noch festgestellt, dass mit Blick auf die viel diskutierte Ausbildungsreife von Schulabsolventen eine frühkindliche Förderung nicht nur dem Ausbau der kognitiven Fähigkeiten dient, sondern sich auch die nicht-kognitiven Fähigkeiten besonders ausprägen; jene Kompetenzen also, die heute im Beschäftigungssystem als wichtige Begleiter, wenn nicht gar als Schlüssel zur Transformation kognitiver Leistungspotenziale angesehen werden.

Das Fazit aus der ZEW-Studie ist Grund genug zu handeln und lautet: Eine ertragsorientierte Präventionsstrategie, die die Steigerung des Humankapitals sowie die Reduzierung sozialer Ungleichheit zum Ziel hat, ist gut beraten, bei der frühkindlichen Entwicklung von Fähigkeiten und Kompetenzen anzusetzen. In meinen Augen hat deswegen auch die Bundesregierung mit ihrer Qualifizierungsinitiative den richtigen Weg eingeschlagen. Auch sie bekennt sich zur frühkindlichen Bildung, indem sie bspw. die Kapazitäten der Tagesbetreuungsstätten und -pflegestellen ausbauen will und erstmalig Mindestqualitätsstandards definiert.

Wir selbst setzen aufgrund unserer Zuständigkeit für die Arbeitsmarktpartner den Hebel an der Qualifikation des pädagogischen Tagesbetreuungspersonals an. Da es vor allem die Kinder mit Migrationshintergrund sind, die derzeit Gefahr laufen, in Kindergärten, Horten, Krippen und ähnlichen Tagespflegestätten nicht optimal betreut zu werden, geht es uns insbesondere um die Qualifizierung des Betreuungspersonals mit Modulen wie „Sprachförderung“ oder „interkulturelle Kompetenzen“. Auch hier weist die Datenlage einen eindeutigen Handlungsbedarf aus. Das statistische Bundesamt präsentiert in seinem Report für das Jahr 2006 zwei arbeitsmarktpolitisch interessante Korrelationen: Zum einen korrespondiert die Partizipation an vorschulischer Bildung mit dem schulischen Erfolg. Zum anderen beeinflusst ein Migrationshintergrund merklich die Inanspruchnahme vorschulischer Kindertagesbetreuungsangebote. Kinder mit Migrationshintergrund besuchen bis zum vollendeten dritten Lebensjahr vergleichsweise seltener einen Kindergarten bzw. verweilen darin kürzer. Dabei steigen rein statistisch betrachtet insbesondere die Bildungs- und Beschäftigungsschancen unter den Migranten mit der (Dauer der) Inanspruchnahme vorschulischer Bildungsangebote. Dieser positive Effekt rührt daher, dass sie dabei nicht nur wichtige sozialen Kompetenzen erlernen, die später in der Schule und auch in der Arbeitswelt nachgefragt werden; sie üben vor allem den Gebrauch der deutschen Sprache und erlangen so das zentrale Werkzeug für eine gelingende Bildungslaufbahn.

Bei einer analytischen Betrachtung der Zahlen des statistischen Bundesamtes über die gesamte Schullaufbahn hinweg ist ferner erkennbar, das insbesondere Migranten eine fast neunmal höhere Wahrscheinlichkeit haben, die Hauptschule zu besuchen und damit geringere berufliche Ausbildungschancen erzielen als ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. Ist hingegen der Besuch einer vorschulischen Einrichtung vorweg geschaltet, reduziert sich dieses Risiko erheblich. Darüber hinaus bleibt die Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund auch mit Blick auf die gezeigten Schulleistungen auffällig. Migrantenkinder schneiden im Vergleich schlechter ab als Schüler ohne Migrationshintergrund und sie zählen deswegen laut PISA mit ca. 42% zur Risikogruppe hinsichtlich ihrer beruflichen Erfolgsaussichten. Auf den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt geschlussfolgert heißt das, dass diese Personengruppe mit stark verminderten Chancen ins Berufsleben startet.

Weswegen setzt nun die Bundesagentur für Arbeit den Präventionshebel an der Qualifizierung des Tagesbetreuungspersonals – also quasi „über Bande“ – für Kindern an? Frühkindliche Bildung und der Besuch einer Kindertageseinrichtung sind als solche unzweifelhaft wichtige Aspekte der Thematik. Für die Erfüllung des Bildungsauftrages ist allerdings vor allem die Qualifikation des Personals von zentraler Bedeutung. Zielsetzung der Präventionsinitiative ist es deswegen, dessen qualifikatorisches Profil an die besonderen Bedürfnisse von Kindern mit Migrationshintergrund anzupassen und sie über die regulären Qualifizierungsinstrumente der Arbeitsagenturen vor Ort so weiterzubilden, dass sie junge Migranten in ihrer Sprachentwicklung gezielt und kompetent fördern und ihnen mit interkulturellen Kompetenzen begegnen sowie diese vermitteln können. Die Arbeitsverwaltung kann ebenso wenig wie die Bildungsverwaltung zum Reparaturbetrieb verfehlter Einwanderungspolitik oder nachlassender familiärer Erziehungskompetenzen werden. Aber sie kann ihr ohnehin verfügbares Instrumentarium der beruflichen Qualifizierung über eine arbeitsmarktliche Binnenlogik hinaus intelligent einsetzen und ihren Beitrag dort leisten, wo er nötig und erfolgversprechend erscheint, um bereits jetzt erkennbare Problembiografien am Arbeitsmarkt zu verhindern.


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