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  Demografischer Wandel


  Dr. rer. pol. h. c. Frank-J. Weise,
Vorsitzender des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit:


"Prävention in der Schule als Schlüssel zu mehr Ausbildungs-und Beschäftigungsfähigkeit"

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Wie wichtig Bildung im Verhältnis zu Ausbildung ist, lässt sich derzeit überall nachlesen. So wird beispielsweise in der Diskussion rund um die Ausbildungsreife nicht nur über fehlende kognitive Begabungen oder kulturtechnisches Unvermögen von Schulabsolventen debattiert; immer mehr rücken auch die nicht-kognitiven Fähigkeiten, wie z.B. Geduld, Kommunikations- und Teamfähigkeit, Durchhaltevermögen, Selbstregulation, Zielstrebigkeit oder andere soziale Fähigkeiten ins Blickfeld. Schule ist also immer stärker als ganzheitlicher Ort gefordert, an dem Menschen Sozialisations-, Erziehungs- und Bildungsprozesse durchlaufen.

Nun kommt heute kaum ein Politikerstatement ohne den Hinweis auf die besondere Bedeutung von (Aus-)Bildung und die dabei herausragende Verantwortung der Schule in unserer Gesellschaft aus. Und es ist oft haltlos, der Schule mit einer solchen Anmerkung latent zu unterstellen, sie erfülle ihren gesellschaftlichen Auftrag nicht. Jüngere Absolventenstatistiken sprechen hier ihre eigene Sprache und weisen seit einigen Jahren einen guten Kurs in Form zunehmend höherer Schulabschlüsse aus. Aber es genügt eben nicht, die Schulbank gedrückt und dafür ein Zeugnis erhalten zu haben. Auf das Gelernte kommt es an! Und genau hier steht dem positiven Trend formal steigender Schulbildung das Problem an der ersten Schwelle entgegen. Diese zu nehmen ist für einen Teil der Schulabsolventen seit Jahren unverändert schwierig. Steigenden Anforderungen der Unternehmen an die Qualifikation ihrer Mitarbeiter, die sich auch in immer anspruchsvolleren Ausbildungsordnungen niederschlagen, sind dabei nur ein Teil des Problems. Fest steht: wer heutzutage ohne oder nur mit einem schlechten Hauptschulabschluss die Schule verlässt, wird mit einem deutlich höheren Risiko hinsichtlich seiner künftigen Bildungs- und Erwerbschancen konfrontiert, als es in der Vergangenheit der Fall war. Jene Absolventen verbleiben oft ohne Ausbildung, werden zu Geringqualifizierten und damit zu den potenziell Langzeitarbeitslosen von morgen. Mit Blick auf diese wohl gewichtigste biografische Gelenkstelle tut Prävention also wirklich Not!

Ein eindrucksvoller Beweis, der die Notwendigkeit von mehr Prävention in der Schule deutlich macht, liefert das so genannte Übergangs- und Ersatzsystem. Beim Wechsel von der Schule zu weiterführenden beruflichen Ausbildungseinrichtungen hat sich in den letzten Jahren ein höchst komplexes sowie personal- und kostenintensives Überbrückungs-, Förderungs- und Qualifizierungssystem fest etabliert. Ohne dessen Existenz würde manch ein Absolvent gleich zu Beginn seiner Erwerbsbiografie in Bedrängnis geraten. Für solche kompensatorischen Maßnahmen gibt allein die Bundesagentur für Arbeit derzeit jährlich etwa 2,1 Milliarden Euro aus (In dieser Summe sind 535 Mio. Euro für Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen sowie die Einstiegsqualifizierung, 707 Mio. Euro für Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen sowie ausbildungsbegleitende Hilfen und 845 Mio. Euro für Berufsausbildungsbeihilfe enthalten.). In der öffentlichen Diskussion, die leider oftmals eher nach Verantwortlichen als nach Lösungen sucht, wird ein Teil dieser Kosten dem Unvermögen der Bildung und Erziehung, also fehlender schulischer Prävention angelastet. Zentrale Stichworte sind hier die bereits erwähnte mangelnde Ausbildungsreife oder unzureichende berufliche Orientierung. Der andere Teil hingegen wird dem Abnehmersystem von Schule, dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zugeschrieben, denn beide bieten den Schulabsolventen seit mehreren Jahren keine ausreichenden Aufnahmekapazitäten mehr. So wurde auf dem Ausbildungsmarkt Ende 2006/2007 zwar mit 29.100 unversorgten Bewerbern und 18.400 registrierten unbesetzten Ausbildungsplätzen das beste Ergebnis seit 2002 erreicht, aber dennoch bestand wieder eine Lücke, die jedes Jahr erneut zu einer großen Zahl unversorgter Bewerber führt.

Ausbildungsmarktseitig mag sich die Situation an der ersten Schwelle im Zuge der konjunkturellen Belebung verbessert haben. Gut ist sie aber dennoch nicht. In einem rohstoffarmen Land, in dem die Kompetenzen und Qualifikationen der Menschen unverzichtbar für das Wirtschaftswachstum und die Wettbewerbsfähigkeit sind, ist das volkswirtschaftliche Schadenspotenzial, das mit jedem unversorgten Bewerber, sprich schlimmstenfalls unausgebildeten Jugendlichen einhergeht, kaum zu überschätzen. Der Ökonom Ludger Wößmann von der Ludwig-Maximilians-Universität hat erst kürzlich erneut in einer Untersuchung nachgewiesen, dass Bildung zu den wichtigsten Ursachen volkswirtschaftlichen Wachstums gehört und dass sie selbst dann signifikant bleibt, wenn man andere Wachstumsdeterminanten wie Sicherheit, geografische Lage oder Fertilität einer Bevölkerung herausrechnet (vgl. Wößmann 2007). Für mich wird daran erkennbar: Wenn wir unser Wachstum spürbar steigern wollen, geht an besserer Bildung kein Weg vorbei.

Aus diesem Grund bekennt sich die Bundesagentur für Arbeit mit ihrer neuen geschäftspolitischen Ausrichtung auch zunehmend zur Prävention. Jenseits von Schuldzuschreibungen gegenüber Schule als „Zulieferer-„ oder Wirtschaft als „Abnehmersystem“ wird die Notwendigkeit erkannt, Menschen durch Bildung, Qualifikation und Kompetenzentwicklung auf Übergänge vorzubereiten und zugleich für mehr Kompatibilität zwischen den Systemen zu sorgen. Beides soll dazu beitragen, dass Ausbildungs- und Beschäftigungsfähigkeit frühzeitig und dauerhaft hergestellt werden und Übergangssysteme künftig entbehrlicher werden.


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