Neben den eher sozialen und wirtschaftlichen Strukturveränderungen ist auch auf individueller Ebene ein Trend erkennbar: Die Rede ist vom Wertewandel. Arbeit und Beruf bedeuten für die meisten Menschen aus subjektiver Sicht heute mehr als nur die bezahlte Vergabe zeitlicher Nutzungsrechte an ihrer Person; Arbeit und Beruf sind Teil persönlicher Sinnstiftung geworden und bedienen das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Mitwirkung in der Gesellschaft.
Die hier nur grob skizzierten Entwicklungen gehen mit einer langfristigen Veränderung für Individuen und Gesellschaft einher. Waren viele Lebensläufe früher vorhersehbar, verlieren sie zunehmend an Kontinuität und zu den verschiedenen Gelenkstellen zwischen Schule, Ausbildung, Arbeit und Ruhestand kommen nicht selten zahlreicher biografische Bruchstellen hinzu. Die neuen Werdegänge sind oftmals gekennzeichnet durch moderne Beschäftigungsformen wie z.B. (Teil-)Selbständigkeiten, Projekt- und Zeitarbeiten und verändern auch die Strukturen und Inhalte des Bildungs- und Beschäftigungssystem sowie die Machart der sozialen Sicherung.
Die Megatrends am Arbeitsmarkt bedürfen einerseits einer neue Generation Arbeitnehmer, damit z.B. keine Massenarbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Fachkräftebedarf entsteht und sie erfordern andererseits ein anderes Handeln der institutionellen Akteure im Bildungs- und Beschäftigungssystem. Auch die BA braucht in diesem Umfeld eine neue geschäftspolitische Ausrichtung und Rolle.
Mit Blick auf die Arbeitnehmer wird die BA noch sensibler auf sich abzeichnende Trends und Entwicklungen der Märkte reagieren. Sie wird diese zunehmend antizipieren und präventives Handeln zur generelle Verbesserung von Ausbildungs- und Beschäftigungsfähigkeit neben die reparativen, punktuellen Interventionen stellen müssen. Im Wesentlichen wird derzeit dafür die Weiterentwicklung ihres Dienstleistungsangebotes in Richtung Vorbeugung betrieben. Die Arbeitsverwaltung muss daneben aber auch ihre Impulsgeberrolle am Markt ausbauen, denn sie kann nicht alle Probleme selber lösen, die im Kontext von (drohender) Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit stehen. Sie kann allerdings die Aktivitäten entscheidender Akteuren, wie z.B. der Schule, fördern bzw. einen Beitrag zur Schaffung möglichst günstiger Rahmenbedingungen leisten.
2. Prävention tut Not!
Der Titel dieses Textes verspricht die Diskussion von Präventionsmöglichkeiten in der Schule als Schlüssel zu mehr Ausbildungs- und Beschäftigungsfähigkeit. Von der Schule Prävention zu fordern, erinnert dabei auf den ersten Blick an ein Paradoxon. Schule ist Bildung und Bildung ist hinsichtlich der Entwicklungs- und Handlungschancen eines jeden Menschen die wichtigste und wirksamste Prävention. Sie entscheidet nach wie vor maßgeblich über die gelingende gesellschaftliche Teilhabe und damit auch über die Partizipation am Arbeitsleben. Eine gute Schulbildung – dokumentiert durch einen hochwertigen Abschluss – kann durchaus noch als letztes Bollwerk in einer zunehmend unsicher und unübersichtlich werdenden Arbeitswelt angesehen werden. Vor allem für junge Menschen ist sie Schlüssel und Schutzschild zugleich und determiniert wie kaum etwas anderes den weiteren Erwerbsverlauf. Bildungsbedingte Disparitäten auf dem Arbeitsmarkt bestimmen oftmals nicht nur über „erwerbstätig“ und „nicht erwerbstätig“, sie beeinflussen auch den konkreten, individuellen Erwerbsstatus, d.h. die Konditionen der Beschäftigung wie z.B. die Höhe des Einkommens oder das Anspruchsniveau der Tätigkeiten (vgl. u.a. Shell-Studie 2006; Bildungsbericht 2008 oder 3. Armuts- und Reichtumsbericht). Vor diesem Hintergrund sprechen Bildungsökonomen also zu Recht über die hohen Renditen von Bildungsinvestitionen – für jeden Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt.
Wird ein erster grundlegender Schulabschluss in jungen Jahren versäumt, lässt er sich mit zunehmendem Alter nur mühevoll nachholen. Deswegen ist es für mich auch besonders erfreulich, dass sich ein neues Bildungsbewusstsein durchzusetzen scheint. Laut Bildungsbericht 2008 nutzen immer mehr Schüler die Chance, höhere Schulabschlüsse zu erreichen oder aber einen im allgemeinbildenden Schulwesen zunächst nicht erreichten Abschluss gleich im Anschluss an die Sekundarstufe I zu erwerben (68% der Absolventen von allgemeinbildenden Schulen verließen diese im Jahr 2006 mit der Mittleren, Fachhochschul- oder Hochschulreife. Tendenz steigend (vgl. Bildungsbericht 2008, 286).). Dennoch darf letztere gute Nachricht nicht darüber hinwegtäuschen, was sie zugleich unterschwellig deutlich macht: Noch immer verlassen zu viele Schüler die Schule ohne Abschluss und wer die Sekundarstufe II zum Nachholen des ersten allgemeinbildenden Abschlusses nutzt, hat ihn im ersten Anlauf nicht geschafft. Außerdem führen nominell gleiche Abschlüsse, die in unterschiedlichen Bildungsgängen erworben wurden, nicht immer zu gleich erfolgreichen Zugängen und Verläufen im weiteren Bildungs- und Beschäftigungssystem (2006 verließen 7,8% der Absolventen die allgemeinbildende Schule ohne Abschluss (vgl. Bildungsbericht 2008, 88).).
Gefragt nach den Präventionsmöglichkeiten in der Schule, sehe ich eine Vielzahl guter zusätzlicher Chancen. Vorneweg beginnt es allerdings mit dem originären Erziehungs- und Bildungsauftrag, dem Schule nachkommen muss. Insbesondere die allgemeinbildende Sekundarstufe I steht in der Verantwortung, junge Menschen zu qualifizieren, damit ihnen die Selbstverwirklichung im privaten Leben und im Beruf gelingt. Notwendigerweise bedarf es dazu eines guten Abschlusszeugnisses, das alleine heutzutage allerdings nicht mehr ausreicht. Es geht dabei eben nicht nur um nominelle Schulabschlüsse, sondern um einen Bildungsansatz, der breit und umfassend aufgestellt ist und der mehr als nur eine Verwertbarkeit im beruflichen Kontext fokussiert. Bildung betrifft immer mehr den ganzen Menschen.
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