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  Demografischer Wandel


  Dr. rer. pol. h. c. Frank-J. Weise,
Vorsitzender des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit:


"Prävention in der Schule als Schlüssel zu mehr Ausbildungs-und Beschäftigungsfähigkeit"

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Summary

Die Megatrends auf dem Arbeitsmarkt erfordern eine neue Generation Arbeitnehmer. Allein die Globalisierung und Rationalisierung sorgen sowohl in qualifikatorischer wie auch in persönlicher Hinsicht für anspruchsvollere Tätigkeiten und verlangen ein mehr an formaler Eignung, sozialer Kompetenz, Mobilität und Flexibilität. Dabei gelingt es nicht allen Menschen, dem Anforderungszuwachs standzuhalten. Zunehmend werden die Teilhabe und damit auch Einkommenschancen am Arbeitsmarkt über die soziale Herkunft und das Bildungsniveau determiniert. Die z.T. bereits in der Grundschule erkennbaren Leistungsunterschiede verstetigen sich oftmals im Schulverlauf und setzen sich nicht selten als handfeste Probleme in der Beschäftigungsbiografie fort. Es sind also die frühen schulischen Auffälligkeiten, die es ernst zu nehmen gilt und die später ein erhöhtes Risiko am Markt verursachen. Zum ersten Mal deutlich wird dies allerdings oft erst beim Verlassen der Schule. Das seit einigen Jahren fest etablierte Übergangs- und Ersatzsystem zwischen Schulabschluss und Berufseinstiegsphase dokumentiert die Probleme an der ersten Schwelle recht eindringlich. Und auch wenn sich die Situation ausbildungsmarktseitig im letzten Jahr infolge der konjunkturellen Belebung zunehmend entspannt hat, bleibt insbesondere für Hauptschulabsolventen der Einstieg riskant.

Um dem Zusammenhang zwischen schulischen Bildungsdefiziten und späteren Problemen auf dem Arbeitsmarkt entgegenzuwirken, stellt die Bundesagentur für Arbeit (BA) derzeit Überlegungen an, wie bereits vor dem Verlassen der Schule die Beschäftigungsfähigkeit von Menschen gestärkt werden kann. Hierzu wurde zunächst ein bildungs- und erwerbsbiografisches Phasenmodell entwickelt, anhand dessen sich die Übergangsszenarien zwischen Bildung, Ausbildung, Erwerbstätigkeit, Weiterbildung und Erwerbslosigkeit aufzeigen und die Wirkmechanismen an den neuralgischen Schwellen offen legen lassen. Verdeutlich werden konnte damit vor allem, dass es insbesondere die frühen Phasen sind, in denen die Weichen gestellt werden und die langfristige Konsequenzen für die gesamte Erwerbsbiografie haben. Die entwickelten Präventionsmaßnahmen beziehen sich u.a. deswegen einerseits auch auf die frühkindliche Bildung und versuchen die lernintensive vorschulische Phase zu nutzen und andererseits auf den Übergang an der ersten Schwelle.

Mit Blick auf die vorschulische Bildungsarbeit setzt die BA ihr arbeitsmarktpolitisches Instrumentarium zur Qualifizierung von pädagogischem Tagesbetreuungspersonal ein und will darüber einen Beitrag zur verbesserten Kompetenzentwicklung von Kindern, insbesondere denjenigen mit Migrationshintergrund, leisten. Hinsichtlich des Übergangs an der ersten Schwelle dient ein intensives Berufsorientierungsformat, die so genannten Sommercamps, dazu, junge Menschen in der Sekundarstufe I bei ihrem Schulabschluss und in ihren Berufswahlprozessen zu unterstützen. Für diejenigen, die ihren Abschluss in einer berufsvorbereitenden Einrichtungen nachholen und sich fachlich auf den Einstieg in eine Ausbildung vorbereiten möchten, soll zudem noch ein ganzheitliches Integrationscoaching die Übergänge in Ausbildung außerhalb des Ersatzsystem signifikant erhöhen.



1. Arbeitsmarktstrukturen von morgen und ihre Konsequenzen für heute

Auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft zeichnet sich ein fundamentaler struktureller Wandel ab. Ausgehend von Globalisierung, dem Übergang in die Wissensgesellschaft und der absehbaren weiteren ökonomischen, gesellschaftlichen, technologischen und demografischen Entwicklung müssen Beschäftigte, Unternehmen, Staat und Gesellschaft auf diese Veränderungen rechtzeitig, bestenfalls präventiv (re)agieren. Eine besondere Herausforderung für alle am Arbeitsmarkt Beteiligten ergibt sich dabei aus dem sich verändernden Angebot an Arbeitskräften. Mit dem demografischen Wandel steht Deutschland vor einer seiner größten Herausforderungen. Die Alterung der Bevölkerung macht besondere Anstrengungen nötig, um die neuen, qualifikatorisch und persönlich immer anspruchsvolleren Aufgaben bewältigen zu können. So geraten die Schüler von heute als die Arbeitskräfte von morgen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Sie sind Deutschlands wichtigster Wettbewerbsfaktor und zugleich das, was man eine knapper werdende „Ressource“ nennt. Diese Ressource im Sinne einer Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zu nutzen, gelingt nur, wenn junge Menschen gut gebildet und qualifiziert die Schulen verlassen und im direkten Anschluss möglichst reibungslos in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt integriert werden können.

Automatisierung, neue Informations-, Kommunikationstechnologien sowie eine starke Expansion logistischer Dienstleistungen sind exemplarische Rahmenbedingungen und zugleich zentrale Triebkräfte eines internationalen Wettbewerbs. Dieser zeichnet sich insbesondere durch zwei Trends aus: Globalisierung und Rationalisierung. Während die Globalisierung die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland sowie komplexe internationale Verflechtungen nach sich zieht, bewirkt eine fortschreitende technologische Entwicklung die Kurzlebigkeit des Wissens und erfordert immerwährende Anpassungsfähigkeit an neue komplexe Arbeits- und Lernfelder. Die fortschreitende Rationalisierung macht viele einfache Tätigkeiten entbehrlich und die verbleibenden Aufgaben erfordern von Arbeitnehmern in der Konsequenz ein höheres Qualifikationsniveau und mehr Kompetenzen, indem sie hohe Mobilität und Flexibilität und viele weitere Schlüsselqualifikationen verlangen. Jene Fähigkeiten und Fertigkeiten müssen mittlerweile als unabdingbare Voraussetzungen deklariert werden, um sich auf permanent wechselnde Arbeitskonditionen und -inhalte einzustellen und diese zu bewältigen. Dabei gelingt es nicht allen Personen, den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden und erfolgreich am Arbeitsmarkt zu agieren. Immer deutlicher werden die Chancen und Risiken der arbeitsmarktlichen Teilhabe durch die soziale Herkunft und das Bildungsniveau bestimmt und immer öfter geraten einzelne Personengruppen an den Rand des Systems (vgl. Hummel/ Reinberg 2007). Natürliche und erworbene Unterschiede in Leistungsprofilen und -potenzialen werden somit noch deutlicher freigelegt und die schon in den letzten Jahren zu beobachtende Polarisierung der Arbeits- und Einkommensperspektiven wird sich in der Tendenz verstärken.


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