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Unser Bildungssystem ist zwar durchlässig, aber überwiegend nach unten. Auf einhundert Schüler und Schülerinnen, die absteigen, kommen höchstens elf, die aufsteigen. Die schulische Ghettoisierung von Minderheiten stabilisiert die gesellschaftlichen Ghettos. Wenn Bildungsräume keine Förderräume sind, entwickeln sie sich zwangsläufig zu Trainingsarenen für den gesellschaftlichen Konkurrenzkampf mit unfairen Startbedingungen. Erwiesenermaßen wird am Übergang von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen von Lehrerinnen und Lehrern die Messlatte für Kinder aus ohnehin benachteiligten Milieus fast um ein Drittel höher gelegt als für Mitschülerinnen und Mitschüler aus der bildungsnahen Mittelschicht. Aus schwierigen Verhältnissen heraus muss man kraftvoller springen, um für höhere schulische Weihen empfohlen zu werden. Was ändert die Mentalitäten? Im Dauerclinch mit den Strukturen halten sie die Chancenungerechtigkeit recht stabil.
Umgekehrt wäre es richtiger: Ebenso wie Begabte, das heißt in der Regel genauer: bereits zu Hause Geförderte auch in der Schule gefördert werden sollen, verdienen auch diejenigen Förderung, die es von Hause aus schwerer haben. Sie auf ihre Startbedingungen festzulegen, ist ebenso unchristlich, wie ihre Förderung davon abhängig zu machen, ob man gesellschaftlich etwas mit ihnen anzufangen weiß. Es sollte deshalb nicht nur ökonomisch gemeint sein, wenn ein Bildungskongress von McKinsey 2005 unter dem Motto stand: „Wer an den Kindern spart, wird in Zukunft verarmen.“ Noch immer weiß man nicht sicher, ob aus solchen Einsichten konsequente und zukunftsfeste Schritte folgen. Wo man doch auch den anderen Satz nicht nur ökonomisch verstehen sollte: Frühes Investieren erspart weitgehend späteres Reparieren.
Ein Aufbruch aus der Erstarrung ist die Gegenbewegung zum demografischen Wandel. Kinder und Jugendliche sind anziehend, sie sind erziehend. Sie verändern jene, die mit ihnen leben. Sie sind ein Heilmittel gegen den Stillstand. Mit ihnen ist das Leben zu Gast in unser aller Leben. Ein starker Satz des rastlosen, sich verbrauchenden Filmemachers Rainer Werner Fassbinder hieß: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Erstarren kann die Gesellschaft immer noch, wenn das Leben aus ihr ausgewandert ist. Doch noch ist reichlich Leben da. Das Leben ist nach wie vor zu Gast. Nicht nur im Raum der Schule, sondern an vielen Orten ist es zu Gast und führt reichlich Gastgeschenke mit sich. Wer Kinderschritte mitgeht und sich mit den Augen Jugendlicher auf Entdeckungsreisen begibt, der mag vielleicht nicht „hipp“ sein, und sein Leben ist auch nicht „stylisch“. Es ist uns nicht versprochen, dass er bequem ist, unser Nachwuchs. Doch war Genießen je bequem?
Die Bewegung, in die Kinder uns bringen, lässt einen Pulsschlag spüren, der tiefer ist als die Herzrhythmen eines erfolgsverhetzten, globalisierten Lebens. Kinder und Jugendliche sind uns ans Herz gelegt, damit sich mit der Freude an ihnen auch die Kraft verbindet, die Ausgegrenzten hereinzuholen und die Verlorenen nicht verloren zu geben. In Kindern und Jugendlichen begegnet uns die Liebe als Triebkraft der Gerechtigkeit, die schon lange unterwegs ist, aber immer wieder aufs Neue ankommen will. Sie führt vom bloßen Gedankenspiel zur gelebten Wirklichkeit. Sie fordert alle, selbst Gerechtigkeit zu schaffen und Solidarität zu üben, an welcher Stelle im Bildungswesen der eigene Ort auch sein mag.
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