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  Demografischer Wandel


  Bischof Dr. Wolfgang Huber,
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland:


"Demographischer Wandel und seine Auswirkung auf Bildung und Erziehung"

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Der Wirtschaftsstandort Deutschland braucht ausreichend qualifizierte Menschen in allen Arbeits- und Lebensbereichen. Angesichts der demographischen Entwicklung ist es darum auch ein Gebot der ökonomischen Vernunft, kein Kind, keinen Jugendlichen verloren zu geben. Darüber hinaus wird Bildung als die entscheidende Möglichkeit gesehen, die individuelle Zukunft und die soziale Ausgangslage zu entkoppeln. Bildung erscheint – so gesehen – als die entscheidende Möglichkeit, schlechte Startbedingungen zu überwinden und das individuell erreichbare Maß an Beteiligung am Arbeitsleben wie am gesellschaftlichen Leben zu erreichen.

Angesichts dieser Situation ist es nicht erstaunlich, dass zu Recht immer wieder auf das „planmäßige Scheitern“ und die frühe Auslese, die geringe Durchlässigkeit und die zahlreichen Abbrecher hingewiesen wird. Zu viele Schüler bleiben „auf der Strecke“. Und das ist ja nur der Start. Wer hier verloren geht, hat auch später kaum noch Chancen. Es gehört zu den bedrückenden Erkenntnissen, dass die diversen Hilfssysteme diese Schere selten schließen. Und es verdient großen Respekt, wenn ehrenamtliches Engagement den schulischen Bemühungen zur Seite tritt und die gefährliche Klippe zwischen Schule und Ausbildung zu überwinden hilft. Der Bertelsmann-Preis z.B. hat im Jahr 2005 Beispiele dafür hervorgehoben und gewürdigt.

In Deutschland hat ein Ausbildungsabschluss für den erfolgreichen Start ins Berufsleben und den Verbleib im ersten Arbeitsmarkt große Bedeutung. Je geringer die formale Bildungsqualifikation, desto schlechter die Position auf dem Arbeitsmarkt. Darum ist es mehr als bedenklich, dass ungefähr acht bis zehn Prozent aller Schulabgänger keinen Schulabschluss erhalten. Ungefähr fünfzehn Prozent aller Jugendlichen bleiben ohne Ausbildung – mit steigender Tendenz. Unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben gegenwärtig vierzig Prozent keine Ausbildung. Die Gesamtzahl der Jugendlichen zwischen 20 und 29 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung liegt mittlerweile weit über einer Million. Für die Zukunft unseres Landes und für die gesellschaftliche Integration liegt in diesen Zahlen eine Sprengkraft, die endlich wahrgenommen, aber auch konsequent entschärft werden muss. Jugendliche, die von unserem Bildungs- und Beschäftigungssystem in seiner jetzigen Form nicht aufgefangen werden, brauchen dringend mehr Unterstützung. Dazu ist ein entschlossenes gesamtgesellschaftliches Handeln erforderlich.

„Wir brauchen hier jeden, hoffnungslose Fälle können wir uns nicht erlauben“, sagte Jukka Sarjala, seinerzeit Präsident des finnischen Zentralamtes für Unterrichtswesen. Diese Bildungsphilosophie des PISA-Siegers Finnland fasst bündig zusammen, was die Quintessenz jedes zukunftstauglichen Bildungswesens sein sollte: „Keiner darf verloren gehen.“ Das gilt nicht nur im Blick auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Nützlichkeit gut ausgebildeter junger Menschen; es gilt vielmehr um der Würde jeder einzelnen Person willen. Und es gilt nicht erst, seitdem die Unterjüngung unserer Gesellschaft einen dramatischen Mangel an jungen Leuten zur Folge hat; es gilt vielmehr unabhängig davon, ob es viele oder wenige Kinder und Jugendliche gibt. Es ist ein Armutszeugnis, wenn erst der Mangel an Kindern und Jugendlichen bewusst macht, wie kostbar sie sind. Aus all diesen Gründen sollten jede Schülerin und jeder Schüler so gefördert werden, dass sie zumindest einen mittleren Leistungsstandard erreichen. Dass dies nicht illusionäres Wunschdenken, sondern eine anerkannte und wirksame Zielvorgabe ist, zeigen Beispiele aus anderen europäischen Ländern.

Alle finnischen Schulen sind mit einem Fördersystem ausgestattet, das sich wie eine Gestaltwerdung des Engagements Jesu für die Randständigen der Gesellschaft lesen lässt, und das als Ideal beispielsweise allen evangelischen Schulen zu Grunde liegt. Es handelt sich um eine gestufte Integration, die sich an den Möglichkeiten der Schüler orientiert – das gilt besonders für lernschwache oder leicht behinderte Kinder, die nur im Notfall auf eine der wenigen Sonderschulen geschickt werden. Neun Jahre lang hat in Finnland keine Lehrkraft die Möglichkeit, schwächere Schüler an die nächstniedrigere Schule abzuschieben.

„Keinen verloren geben!“ Diese Zielangabe hat einen eindringlichen Ton. Einen solchen Ton wählt man, wenn etwas nicht so ist, wie es sein soll. Und unbestreitbar ist es so: Es sind viel zu viele, die verloren gehen. Nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht ist dies eine Bankrotterklärung. Denn wer andere verloren gibt, wird selbst zum Verlierer. Dass zu viele verloren gehen, ist auch eine moralische Bankrotterklärung. Bei einem bildungspolitischen Fachgespräch erklärte ein Vertreter der Unternehmerseite: „Wir brauchen die zehn Prozent Besten eines Jahrgangs. Die schöpfen wir aus jedem Bildungssystem ab.“ Ende des Zitats! Über den Rest schwieg er sich aus. Aber auch aus Unternehmersicht war das verkehrt.

Ein solches Schweigen ist der Kirche nicht erlaubt. Denn sie würde nicht nur ihr Profil, sondern auch den Boden unter den Füßen verlieren, wenn Christen sich nicht mehr nach jedem verlorenen Groschen bückten, wenn sie nicht mehr jedem verlorenen Schaf nachliefen, Ihre Aufgabe wird in einem Abendmahlslied treffend beschrieben: „die Gebeugten stärken und die Schwachen schonen“. Bildungschancen in unserem Bildungssystem sind daher unter den Gesichtspunkten der Befähigungsgerechtigkeit und der Solidarität zu betrachten. Wer sich als Christ taub stellt, wenn die Ungerechtigkeit zum Himmel schreit, beschädigt sich selbst und verleugnet seinen Glauben im Kern. Von Anfang an steht die Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit in der Mitte des biblischen Glaubens. Gerechtigkeit bezieht sich immer auf Gemeinschaft. Beteiligungsgerechtigkeit ist ein Maßstab für Beziehungsqualität. Im Zentrum evangelischer Frömmigkeit steht die Gewissheit, dass Gott uns Gerechtigkeit zuspricht und dass wir deshalb die eigenen Gaben in das gemeinsame Leben einbringen und andere darin bestärken, dies auch zu tun.

Der Schmerzpunkt, an dem es richtig weh tut, ist das uneingelöste Versprechen der Chancengerechtigkeit. Deutschland ist erwiesenermaßen Weltmeister im Aussortieren und Separieren. Keiner spreizt sich im Spagat zwischen guten und schlechten Schülern so wie wir. Die Dummen werden dümmer und die Schlauen schlauer. Die einen häufen Bildung an, die andern fallen heraus; einige sammeln Zeugnisse und Diplome, andere sammeln Niederlagen. Die einen schwänzen und verabschieden sich dauerhaft aus dem Klassenzimmer. Die anderen sind schon als Schülerinnen und Schüler Gäste an der Uni. Doch selbst die besonders Begabten kämpfen gegen Deckelungen. Die einen werden abgeschnitten, die anderen werden gedeckelt. Nicht einmal Spitzenleistungen erbringt die Selektion; und auf die zielte doch das ganze Unternehmen.


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