Home   |   Demografischer Wandel

  Demografischer Wandel


  Bischof Dr. Wolfgang Huber,
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland:


"Demographischer Wandel und seine Auswirkung auf Bildung und Erziehung"

Seite 5

Es ist an der Zeit, neu nach dem Verhältnis zwischen Bildung, Erziehung und Gerechtigkeit zu fragen. Darum ist Bildung und Erziehung im Zusammenhang zu sehen. Dieser Zusammenhang wird in der gegenwärtigen Bildungsdebatte meist vollständig vernachlässigt. Erziehung, die sich ja wesentlich in den stärker informellen Bereichen der Familie oder der Peergroups abspielt, ist vielmehr weithin durch Bildung abgelöst worden, für die man die Institutionen von Staat und Gesellschaft für verantwortlich ansieht. Und diese Bildung wird zum anderen überwiegend als formale Bildung angesehen, die diejenigen Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt, die Heranwachsende brauchen, um für die Informationsgesellschaft fit zu sein. Diese Dominanz formaler, technischer, instrumenteller Bildungsziele entspricht nur einem Teil von meist kurzfristigen ökonomischen Erfordernissen und übersieht den gesamtgesellschaftlichen Bildungsbedarf. Es ist jedoch verfehlt, wenn auf das schlechte Abschneiden Deutschlands oder einzelner deutscher Bundesländer in internationalen Vergleichsstudien wie PISA oder IGLU allein mit der Frage reagiert wird, welche Kompetenzen stärker entwickelt werden müssen und wie sie durch entsprechende Tests überprüft werden können. Wer allein dadurch eine Steigerung des Bildungsniveaus unter Beweis stellen will, lässt wichtige Dimensionen unberücksichtigt. In einer differenzierten und pluralen Gesellschaft, die von zunehmender Vielfalt und Differenzierung geprägt ist und in der Lebenschancen ungleich verteilt sind, muss sich Bildung der Frage nach Gerechtigkeit stellen. Ein evangelisches Bildungsverständnis orientiert sich am Recht auf gleichen Zugang zu Bildung.

Studien, wie sie unter den Kürzeln PISA oder IGLU bekannt geworden sind, müssen also neue Anstrengungen zur Reform des Bildungswesens auslösen. Sie dürfen sich nicht darauf beschränken, den Erwerb von sprachlichen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Kenntnissen und Wissensbeständen zu prüfen. Blieben wir dabei stehen, würden wir Bildung verkürzen und beschädigen.

Vielen Schülerinnen und Schülern fehlen elementare Lernvoraussetzungen. Sie sind nur unter Mühen bereit und fähig dazu, sich zu konzentrieren und ihr Leistungsverhalten zu strukturieren. Von den Unterrichtenden wird vielfach ein mangelndes Sozialverhalten beklagt. Ausreichende soziale Kompetenzen wie Regelbewusstsein, Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft und Teamfähigkeit sind aber für eine spätere Berufsausübung und ein gelingendes Leben mindestens ebenso wichtig wie kognitive Fähigkeiten und inhaltliche Kompetenzen. Solchen Problemen kann nicht mit allgemein formulierten Bildungsstandards und Maßnahmen zur Erhöhung des Selektionsdrucks begegnet werden. Vielmehr konfrontieren uns viele Vorgänge in unseren Schulen mit der Frage, ob unser Bildungssystem junge Menschen aussondert, statt sie zu integrieren, abstempelt, statt zu befähigen, ausgrenzt, statt einzubeziehen. Die grundlegende Erfahrung, auf die jeder Heranwachsende angewiesen ist, besteht jedoch darin, dass er gefordert wird, weil er wertgeschätzt ist, dass ihm etwas zugetraut wird, weil ihm etwas anvertraut ist: nämlich eine Person zu sein, die wichtig ist und Würde hat.

Eine solche Wertschätzung hat in jedem Unterrichtsfach ihren Ort. Aber sie braucht Lehrkräfte, die für mehr qualifiziert sind als nur für bestimmte Fächer. Zu wirklicher Pädagogik gehört die Einsicht, dass in der Schule nicht Fächer und Gegenstände unterrichtet werden, sondern Menschen. Deshalb verweist die Rede von einer „Lernkultur“, „Schulkultur“ oder pädagogischen Kultur auf ein großes Problem hin. Ebenso verweisen die neue Betonung des sozialen Lernens und die Suche nach Formen, in denen auch in deutschen Schulen Verantwortung gelernt werden kann, auf ein dringendes, nicht in Fächern und Zuständigkeiten einzusperrendes Desiderat. Versuchsschulen und Schulen in freier Trägerschaft zeigen überzeugend, was hinsichtlich einer solchen Schulentwicklung und einer auf solche Inhalte bezogenen Profilbildung von Schulen möglich ist. Schulen stehen heute unter stärkerem Druck, als viele wissen; trotzdem ist in Schulen mehr Erziehung zur Verantwortung möglich, als viele denken.


Nicht nur der demografische Wandel wirkt sich auf Bildung und Erziehung aus; höchst folgenreich ist vielmehr zugleich der gesellschaftliche Stillstand. Wenn man sich an die enorme gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Fragen der Bildungspolitik in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erinnert, so wird einem deutlich, dass es der Nachfragedruck aus der Gesellschaft war, der die Bildungsreform stark machte. Die Zugkraft der Diskussion ergab sich dagegen weniger aus der Überzeugungskraft inhaltlich definierter Bildungsziele.

Damals wie heute wird Bildungspolitik im Kern von gesellschaftlichen Interessen bestimmt. Zumeist gilt Bildung dabei als Mittel zum Zweck. Heranwachsende sollen dazu befähigt werden, den beruflichen, sozialen und kulturellen Anforderungen ihres Lebens gerecht zu werden. Wer „Bildung“ sagt und sich etwas von ihr verspricht, meint in der Regel nicht einen Vorgang im Menschen, eine Aneignung der Welt oder eine Selbstbildung der Person. Er meint vielmehr mit Bildung „Bildungsabschlüsse“. In der Koppelung mit dem Beschäftigungssystem ist das Bildungssystem das Schlüsselsystem jeder modernen Gesellschaft. Es ist erstaunlich, wie frisch, lesbar und praktisch unausgeschöpft Veröffentlichungen aus der Zeit sind, in der solche Zusammenhänge schon einmal bedacht wurden. Vor vierzig Jahren haben diese Veröffentlichungen schon einmal erhebliches Aufsehen erregt. Georg Pichts „Deutsche Bildungskatastrophe“ aus dem Jahre 1964 oder „Bildung ist Bürgerrecht“ von Ralf Dahrendorf, veröffentlicht 1965, oder „Aufbruch ins Jahr 2000. Erziehung im technischen Zeitalter“ von Hildegard Hamm-Brücher, erschienen 1967, sind Beispiele dafür.


Es ist nicht zu bestreiten: Globalisierung, Zeitverdichtung, Zeitdruck und Flexibilisierung sowie die dafür eingesetzten Technologien dynamisieren unsere Lebensverhältnisse grundlegend. Und der entstehende Anpassungsdruck soll – so die verbreitete Hoffnung – vor allem durch Bildung bewältigt werden. Im Hintergrund steht dabei unverkennbar die Befürchtung, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland andernfalls den Anschluss an die globale Entwicklung verliert. Wissen und Lernen werden in diesem eher angstbestimmten Kontext zu Schlüsselbegriffen unserer Gesellschaft.


nach oben


zur Übersicht