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  Bischof Dr. Wolfgang Huber,
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland:


"Demographischer Wandel und seine Auswirkung auf Bildung und Erziehung"

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Natürlich sind Familien nicht nur Schonräume und Inseln der Seligen. Sie sind auch Trainingsräume zur Vorbereitung auf Angst und Kälte im Zusammenleben. Sie sind Erfahrungsräume des Glücks und Erschreckensräume des Scheiterns. Beide Erfahrungen sind in der Familie zu Hause: Liebe und Geborgenheit ebenso wie Gewalt und Leid. Familie als Wattepackung ist eine Illusion. Wer das voraussetzt, verweigert auch die erzieherische Funktion der Familie. Denn zu ihr gehört auch die unvermeidliche Konfrontation. Weil viele Eltern das Ziehen von Grenzen nicht als Aufgabe in der Familie wahrnehmen, geben sie aus Hilflosigkeit oder Angst ihre Erziehungsaufgabe preis und überlassen ihre Kinder sich selbst. Soziale Dienste können nicht ersetzen, was Familien für den sozialen Zusammenhalt leisten – oder eben auch verweigern. Darum: Wer Kindern beim Aufwachsen beisteht, steigt gesellschaftlich nicht aus. Im Gegenteil: Kindererziehung ist ein verschärfter Einstieg ins Leben der Gesellschaft.

Wie ein Geplänkel am Rande, aber gleichwohl bezeichnend für den Lernbedarf von Männern als doch wohl auch durch Kinder Beschenkten kann eine auch in der Presse diskutierte Frage erscheinen. Es ging darum, ob Wickeln zu dem Repertoire gehört, mit dem uns Kinder in die Schule nehmen. Im Siebten Familienbericht der Bundesregierung kann man dazu die autoritative Feststellung lesen: „Das Wickeln ist zwar ein gesundheitlich wichtiger, aber lerntheoretisch nicht sonderlich bedeutsamer Vorgang.“ Mit dieser Einschätzung im Hinterkopf fällt es manchem gestandenen Mannsbild dann auch leicht zu meinen, „dieses Wickel-Volontariat nicht haben zu müssen“.

Doch welche Lerntheorie liegt einer solchen Behauptung zu Grunde? In der Begegnung, im Kontakt spüren Menschen, auch kleine Menschen, Menschlichkeit. So gesehen ist dann auch Wickeln mehr als nur Gesundheit, ist auch Blickkontakt, ist Sonnenlächeln im Babykinderhimmel, ist Gespräch mit Wohllaut ohne feste Worte, ist Singsang, der Vertrauen schafft. Es geht um Behutsamkeit und Zärtlichkeit bei aller Festigkeit, sonst sitzt die Windel eben einfach nicht. Von allem Anfang an verbindet Eltern und Kinder auf diese Weise die Erfahrung, dass geduldig Grenzen zu setzen ein Ausdruck von Liebe ist. Interesseloses Laissez-faire am Wickeltisch birgt bekanntlich die Gefahr in sich, dass die abstürzen, die doch unsere Obhut brauchen. Auch an diesem Lernort, der offiziell nicht so genannt werden darf, lässt sich einüben, was Kinder brauchen, um zu gedeihen. Bei genauerer Betrachtung ist auch Wickeln ein lerntheoretisch bedeutsamer Vorgang. Sich beim Wickeln entwickeln: das ist keineswegs die schlechteste Lernerfahrung. In einer Umkehrung üblicher Vorstellungen von Bildung und Erziehung soll damit festgehalten werden, dass Kinder die Erwachsenen lebendig halten und sie als Bildungsmacht ganz eigener Art vor der Erstarrung schützen.

Im Grunde muss man den Mut und das Vertrauen bewundern, mit denen Eltern heute ihre Kinder wie Rettungsringe in die Gesellschaft werfen, um absehbare Katastrophen abzuwenden. Denn ihre Kinder müssen Spitzenkräfte werden und Spitzenkräfte haben. Sie sind die Hoffnungsträger, die das gesellschaftliche Leben weitertragen sollen, wenn ab 2012 die Lücke unumkehrbar wächst, weil eine Generation in Rente geht, die an eigenem Nachwuchs offenkundig wenig Freude hatte. Diese Kinder werden, das ist nachzurechnen, sich nicht nur bei den eigenen Eltern revanchieren und sie im Alter stützen müssen, sondern viele andere Alte auch. Und sie brauchen auch noch Bärenkräfte für die erhofften eigenen Kinder.


Was viele nur ahnen, lässt sich inzwischen wissenschaftlich erhärten. Die Familien sind nach wie vor die mächtigsten Sozialisationsagenturen. Aber sie brauchen zunehmend mehr Unterstützungssysteme. Es fehlt der Aufbau einer verlässlichen Infrastruktur mit leicht erreichbaren Hilfsangeboten für diejenigen Familien, die ihren Kindern und ihrer Entwicklung aus eigener Kraft nicht gerecht werden können. Kinder sind nicht nur Anhängsel von Familien. Sie sind Subjekte mit einem eigenen Recht auf Entfaltung ihrer Talente. Da sie es selbst nicht einklagen können, liegt hier die pädagogische Verantwortung der Erwachsenen, der Gesellschaft überhaupt – nicht nur der Eltern.

Noch vertrauen viele Eltern ihre Kinder den gesellschaftlichen und dabei in hohem Maß auch den kirchlichen Bildungseinrichtungen an. Daraus spricht ein hohes Maß an Vertrauen und Wertschätzung. Dass die Kindertagesstätten neben den Schulen im Zentrum der Debatte stehen, hat natürlich mit der Sorge vor dem Mangel an Fachkräften und mit der Angst vor Armut und Vergreisung zu tun. Doch es gibt dafür noch einen weiteren Grund. Wenn die Familien sich als Übungsfeld für soziales Verhalten auflösen, steuert unsere Gesellschaft – so ist zu hören - auf eine Ansammlung von Egoisten zu.

Angestoßen durch Frank Schirrmachers Buch „Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft“ titelte der Spiegel am 6. März 2006: „Jeder für sich. Wie der Kindermangel eine Gesellschaft von Egoisten schafft.“ Wenn die Familie als wichtigstes Bindemittel der Gesellschaft zerfällt, hält man Ausschau nach Ersatzlernfeldern – unbeschadet aller Bemühungen, die Familien zu stärken und den Kinderwunsch zu beflügeln. Die Kindertagesstätten und auch die Ganztagsschulen erscheinen als besonders geeignet für die Entwicklung jenes offenbar unverzichtbaren Kapitals, das ebenso wichtig ist wie die Hebung von Bildungsreserven zu Zwecken ihrer wirtschaftlichen Nutzung. Dieses ebenso unverzichtbare wie unverzinsliche Kapital ist die nachgewiesenermaßen in der Familie am besten trainierte Fähigkeit zu Rücksichtnahme und Selbstlosigkeit.


Bildung ist ein unabschließbarer und lebenslanger Prozess. Auch wenn die Verknüpfung von Bildung und Erziehung den Blick primär auf Kinder und Jugendliche richtet, wurde bereits im Raum der Familie erkennbar, dass Bildung ein wechselseitiger Prozess ist, von dem beide profitieren, die Kinder und die Eltern. Der „bevölkerungsverdünnte“ Raum Familie führt zu spezifischen Prägungen. Da vielen Kindern der Bruder oder die Schwester fehlt, weil Geschwister in Deutschland seltener werden, werden sie trainiert, Lasten allein zu tragen. Auch gleichaltrige Freunde werden rarer. Insbesondere in den entvölkerten ländlichen Räumen werden die Sozialkontakte weniger. Da sie weniger Kindern begegnen, wirken sich die Verhaltensweisen der Erwachsenen stilbildend auf die Kinder aus. Nimmt man auf den anderen Seite die Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung in den Ballungsgebieten ernst, dann wird ein Kind, das in einer Großstadt aufwächst, nur in einem geringen Maße durch Geschwister, gleichaltrige Freundinnen und Freunde und die dazugehörigen Familien Anreize zu seiner Entwicklung und Bildung bekommen. Möglicherweise werden die hieraus resultierenden Veränderungswirkungen darum weitgehend unterschätzt, weil sie so grundsätzlich und tiefgreifend sind, dass sie sich in Statistiken und Prognosen nicht mehr abbilden lassen. Aber die Konsequenzen lassen sich abschätzen. Es wird nicht mehr ausreichen, dass durch Bildung und Erziehung quasi naturwüchsig das soziale Umfeld gesteuert und auf diese Weise soziales Verhalten eingeübt wird. Wachsende Kontaktflüchen mit Menschen, die nicht zum engeren Kreis der eigenen Herkunftsfamilie gehören, werden das soziale Empfinden, die Bereitschaft zu unterstützen und die Fähigkeit zu einem liebevollen Zusammenleben auf eine harte Belastungsprobe stellen. Es ist darum nicht überraschend, dass in zahlreichen Umfragen Werte wie Familie, Vertrauen und Solidarität eine hohe Zustimmung haben.


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