Im Gegensatz zu den Katastrophenmeldungen über den „Zerfall“ und die Erziehungsunfähigkeit der Familie vermittelt die Forschung ein im Ganzen positives Bild. Gewiss hat die moderne Gesellschaft für Kinder und Jugendliche ein Leben in Spannungen und widersprüchlichen Verhältnissen mit sich gebracht. Erwachsene nehmen sich oft zu wenig Zeit für ihre Kinder. Die für die Entfaltung einer Persönlichkeit dringend notwendigen Gespräche zwischen Eltern und Kindern, die zugleich auch wie nichts anderes die Sprachentwicklung fördern, werden seltener. Ohne die Unterstützung der Familien ist aber eine erfolgreiche Schulbildung sehr erschwert. Nicht nur die Werteerziehung und die Einführung in religiöse Wirklichkeitsdeutungen, sondern auch die für jeden Beruf notwendige Grundbildung beginnen in der Familie.
Ein Perspektivenwechsel hin zu den Kindern ist unumgehbar. Dabei ist offenkundig, dass es heute wieder in verstärktem Maße zu den wichtigsten Wünschen der allermeisten jungen Menschen zählt, eine Familie und eigene Kinder zu haben. Darin, dass dieser Wunsch für so viele Menschen nicht Wirklichkeit wird, liegt eine zentrale Herausforderung für unsere Gesellschaft. Neben den äußeren Voraussetzungen, die unbedingt schnellstens verbessert werden müssen, erfordert dies auch eine Arbeit an den inneren Rahmenbedingungen. Die gesellschaftlich wirksamen Werte, Normen und Rollenbilder verdienen verstärkte Beachtung.
Vor allem junge Frauen werden heute verstärkt mit einer dreifachen Erwartung im Blick auf Bildung, Beruf und Familie konfrontiert. Weil darin eine Überforderung liegen kann, werden junge Frauen auf vielfältige Weise vor der Mutterschaft gewarnt. Wer wollte, konnte z.B. am 16. März 2006 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ die Empfehlung von Iris Radisch lesen: „Finger weg vom Kinderkriegen“. „Kinder“, so schrieb sie, „machen einsam, blöd und spießig. Man wird zum Gespött der ‚hippen Freunde’, die besser wissen, was heute angesagt ist. Jedenfalls nicht Hausaufgaben kontrollieren, Bilderbücher blättern und Puzzleteile sortieren. Elterngeld“, so kann man lesen, „wird als Anreiz nicht genügen, den Wunsch nach Kindern zu beflügeln. Nicht einzelne Leistungen“, heißt es, „sondern das Zusammenspiel unterschiedlicher Maßnahmen, politischer, wirtschaftlicher, sozialer Maßnahmen. Geld ist das eine. Familien brauchen Sicherungen gegen einen Absturz, wenn von zweien ein Ernährer ausfällt, wenn sich das Geld halbiert und mit jedem Kind die Kosten steigen. Geldregen reimt sich auf Kindersegen. Das schuldet die Gesellschaft den Familien.“
Laut Angaben des Familienministeriums stattet der Staat in Deutschland die Familien mit üppigen 100 Milliarden Euro Transferleistungen und Steuererleichterungen aus, was im europäischen Vergleich immerhin im oberen Drittel liegt. Investitionen in familienunterstützende Institutionen sind dagegen zu gering. Im Unterschied zu den skandinavischen Ländern, in denen etwa zwei Drittel in die Infrastruktur geht, ist es in Deutschland nur ein Drittel. „Der Staat gibt viel Geld für Familien aus“, kritisiert Wassilios Fthenakis, vielen als Streiter für den Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen bekannt. „Der Staat gibt viel Geld für Familien aus. Aber wir setzen es nicht effizient genug ein.“
Schon der siebte Familienbericht der Bundesregierung kam zu dem Ergebnis: „Die Aufwendungen haben nicht dazu beigetragen, dass junge Erwachsene in gleicher Weise wie etwa in Frankreich Kinder als Teil einer gemeinsamen Lebensplanung begreifen.“ Vermutlich sind es auch gar nicht zuallererst finanzielle Gründe, die den potentiellen Eltern hierzulande die Lust an Kindern vergällen. „Neue gesellschaftliche Ideale und eine andere Arbeitsteilung“ sind nach den Erkenntnissen ganz unterschiedlicher Forschungsinstitute “viel wichtigere Voraussetzungen dafür, dass mehr Kinder geboren werden.“
Viel zu lange wurde übersehen, dass Leistungen der Familien für die Gesellschaft nicht naturwüchsig sind, sondern erbracht werden, und dass es die Frauen sind, die dabei die Hauptlast tragen. „Deutsche junge Frauen“, so ist im Familienbericht zu lesen, „verbringen ihre Lebenszeit in einer Art ‚Achterbahn-Effekt’. Da fliegt der Kinderwunsch leicht aus der Kurve: Ausbildung, Mutterschaft in Abhängigkeit vom Hauptverdiener, Beruf, Pflege der Eltern.“ Rushhour nennt man diese Phase im Leben von Frauen. Andere Länder zeigen, dass man mit dieser Phase auch anders umgehen kann. Sie nehmen beispielsweise wahr, dass gestaffelte Ausbildungsabschlüsse die Verbindung von Familie, Ausbildung und Beruf erleichtern können.
Wir müssen gesicherte Erkenntnisse darüber gewinnen, was dazu führt, dass viel zu viele Frauen sich mit einem Kind eher geschlagen als beschenkt fühlen. Es muss doch Gründe dafür geben, dass in anderen Ländern vier von fünf Frauen mit universitärer Laufbahn Mütter werden und in Deutschland nur eine. Inzwischen ist es fast ein Ritual, auf jene vierzig Prozent der Akademikerinnen zu verweisen, die ohne Kinder bleiben. Die problematische Basis dieser Statistik ist inzwischen mehrfach erörtert worden. Wichtiger ist aber die Nachfrage, warum niemand von den männlichen Akademikern spricht, die ohne Kinder bleiben. Bei dieser Frage stößt man in den entsprechenden Jahrgängen nicht auf vierzig, sondern auf über sechzig Prozent. Die Gesellschaft mit besseren Unterstützungssystemen auszustatten, ist nur das eine. Das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit von Familien und das Zutrauen in das Leben mit Kindern ist das andere.
Der erste Raum der Welteinwohnung für Kinder ist die Familie. So plural Lebensformen gegenwärtig auch sein mögen: Familie haben alle, schon, weil sie aus einer kommen. Keine Gesellschaft kann ohne Familien leben. Kein Gemeinwesen kann die Solidarität ersetzen, die in Familien entsteht. Der Zeitgeist der siebziger und achtziger Jahre wollte uns glauben machen, Familie sei ein Instrument der Repression auf dem Wege zu individuell verwirklichter Freiheit. Das war schon damals falsch und wurde durch die Erfahrungen mit instabilen, frei schwebenden und leicht lösbaren Verbindungen widerlegt. Familienstrukturen bieten im guten Fall Gelegenheit, die Muster und Rollen des Zusammenlebens einzuüben, mit denen man es auch in den umfassenderen Institutionen der Gesellschaft immer wieder zu tun haben wird. Die Familie ist Lebens- und Erfahrungsraum der künftigen Bürger. Sie vermittelt lebenspraktische Orientierung, sie sorgt für innere Stabilisierung, für Prägungen, denen der veränderliche Augenblick nichts anhaben kann. Sie stabilisiert die Beziehungen ihrer Mitglieder nach außen, macht die Umwelt berechenbar, zeigt das Ordnungsgefüge auf, das eine Gesellschaft zusammenhält.
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